Der Mann, der im Nebel verschwand. Rätselhafte Vermisstensuche nach Marco Steiger zwischen Nijmegen und Kleve
NIJMEGEN/KLEVE. Dichter Nebel liegt seit Tagen uber dem Grenzgebiet zwischen den Niederlanden und Deutschland. Er verschluckt Geräusche, dämpft Lichter – und seit Dienstagabend womöglich auch das Schicksal eines Menschen. Der 46-jährige Marco Steiger wird vermisst. Was als scheinbar gewöhnlicher Abend in einer Pflegeeinrichtung begann, hat sich zu einem der beunruhigendsten Vermisstenfälle der Region entwickelt.
Marco Steiger verließ am Dienstag gegen 19.50 Uhr eine geschlossene Pflegeeinrichtung in Nijmegen. Auf Aufnahmen einer Überwachungskamera ist zu sehen, wie er durch eine offenstehende Tur nach draußen tritt – allein, ohne Begleitung, ohne Ziel. Er stieg in kein Auto, nahm keinen Bus. Er ging einfach los.
Ein Weg ohne Karte – nur im Kopf
Nach Einschätzung von Polizei und Fachärzten handelt es sich nicht um einen geplanten Spaziergang oder einen bewussten Ausbruch. Marco Steiger leidet an einer schweren psychischen Erkrankung und ist dringend auf starke Medikamente angewiesen. Diese hatte er bei seinem Verschwinden nicht bei sich.
„Ohne diese Medikamente verliert er sehr schnell den Bezug zur Realität“, erklärt ein behandelnder Arzt. „Er braucht einen chemischen Anker. Fehlt dieser, kann sich seine Wahrnehmung innerhalb kurzer Zeit dramatisch verändern.“
Experten vermuten, dass Steiger seitdem einer inneren Logik folgt – einer Art mentaler Landkarte, die nur fur ihn existiert.
Gefangen im Labyrinth des eigenen Geistes
Polizeisprecher der Einheit Gelderland-Zuid sprechen offen von einer extrem gefährlichen Situation. „Wir haben es nicht mit jemandem zu tun, der bewusst spazieren geht. Er befindet sich in einer psychischen Ausnahmelage. Je mehr Zeit vergeht, desto bedrohlicher wird seine Welt fur ihn.“
Ohne Medikamente kann sich die vertraute Umgebung in ein Kabinett des Schreckens verwandeln: Straßenlaternen werden zu bedrohlichen Gestalten, Geräusche zu Verfolgern. Die Polizei geht davon aus, dass Steiger sich in einer fortwährenden Flucht befindet – möglicherweise vor Gefahren, die nur in seiner Wahrnehmung existieren, fur ihn aber absolut real sind.

Eine Halluzination als Ziel: Das „blaue Haus am Wasser“
Besonders rätselhaft – und zugleich tragisch – ist ein Detail, das die Ermittlungen zusätzlich prägt. In den Tagen vor seinem Verschwinden sprach Marco Steiger immer wieder von einem Ort, den er als sein Ziel bezeichnete: einem „blauen Haus am Wasser“.
Er beschrieb dieses Haus detailliert als Ort der Ruhe und Sicherheit. Die Kriminalpolizei uberprufte Katasterdaten in Nijmegen, umliegenden Ortschaften und sogar auf deutscher Seite bis in den Raum Kleve – ohne Ergebnis. Dieses Haus existiert nicht.
„Fur ihn ist es real“, sagt ein beteiligter Psychologe. „Er irrt nicht ziellos umher. Er glaubt, auf einer Mission zu sein. In seiner Wahrnehmung ist dieses Haus so real wie der Asphalt unter seinen Fußen.“
Diese Fixierung erschwert die Suche erheblich. Während andere Vermisste bei Kälte Schutz in Bahnhöfen oder Unterständen suchen, könnte Steiger gezielt weiterziehen – möglicherweise entlang von Flussen oder Wasserwegen.
Wettlauf gegen die Kälte
Die Wetterlage verschärft die Situation dramatisch. In den vergangenen Nächten fielen die Temperaturen unter den Gefrierpunkt. Hinzu kommt feuchte Kälte aus dem Flussgebiet.
„Ein Mensch ohne Schutzkleidung kann bei diesen Bedingungen nur begrenzte Zeit uberleben“, warnt der medizinische Notdienst. Unterkuhlung fuhrt zunächst zu Verwirrtheit – ein Zustand, der bei Steiger durch das Fehlen seiner Medikamente zusätzlich verstärkt wird – und kann schließlich zur Bewusstlosigkeit fuhren.
Die Suche läuft inzwischen auf der höchsten Alarmstufe („Code Rot“). Hubschrauber mit Wärmebildkameras kreisten nachts uber dem Grenzgebiet, Suchhunde verfolgten Spuren, die jedoch an befestigten Straßen endeten. Auch die Wasserschutzpolizei ist verstärkt im Einsatz, da die Nähe zu Wasser als besonderes Risiko gilt.
Hat er die Grenze uberschritten?
Da Nijmegen nur wenige Kilometer von Deutschland entfernt liegt, wurden auch die Behörden im Kreis Kleve alarmiert. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Steiger in seiner Verwirrung die Grenze uberschritten hat. Naturgebiete wie der Duffel oder die Polderlandschaften bieten zahlreiche Verstecke – aber keinen Schutz vor der eisigen Kälte.
Die Polizei bittet die Bevölkerung auf beiden Seiten der Grenze um erhöhte Aufmerksamkeit, insbesondere Spaziergänger an Deichen, Flussen und in abgelegenen Gebieten.
Beschreibung und wichtiger Hinweis
Marco Steiger ist 46 Jahre alt, etwa 1,80 Meter groß, von normaler Statur, mit kurzen dunklen Haaren. Zum Zeitpunkt seines Verschwindens trug er:
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einen grauen Pullover (keine Jacke)
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eine dunkle Jogginghose
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schwarze Turnschuhe
Wichtiger Hinweis: Sollten Sie Marco Steiger sehen, sprechen Sie ihn bitte nicht laut oder abrupt an. Aufgrund seines Zustands könnte er panisch reagieren und fluchten – auch in lebensgefährliche Situationen wie Straßenverkehr oder Gewässer.
Behalten Sie ihn aus sicherer Entfernung im Blick und wählen Sie sofort den Notruf 112.
„Wir wollen ihn nur sicher zuruckhaben“
Fur die Familie ist die Ungewissheit kaum auszuhalten. „Wir erleben Stunden der Hölle“, ließ ein Angehöriger mitteilen. „Wir wollen ihn nur sicher zuruckhaben, bevor der Nebel ihn fur immer verschluckt.“
Mit jeder Stunde sinken die Chancen – doch noch hoffen Polizei, Helfer und Familie auf den einen entscheidenden Hinweis, der Marco Steigers Spur wieder sichtbar macht.




