Nach Feuerdrama in Silvesternacht: Valentin (16) macht nach 23 Tagen Koma seine ersten Schritte
In der Sendung «Domenica» des italienischen TV-Kanals Rai1 erklärt sie, dass der Ort Crans-Montana ihrer Familie sehr am Herzen liege. «Als wir das erste Mal nach Crans-Montana fuhren, war Achille sechs Monate alt und seitdem sind wir immer dorthin gefahren. Dort fuhlte er sich frei», erklärt die Mutter.Doch am Abend des Brandes hatte sie irgendwie ein ungutes Gefuhl. «Wir waren alle zu Hause, es war Silvester. Ich wollte nicht, dass er in diesen Club geht. Ich bin sehr instinktiv, habe gelernt, auf mich zu hören und obwohl ich diesen Ort noch nie betreten hatte, wollte ich nicht, dass sie dorthin gehen.»Sie schlug ihrem Sohn sogar vor, an einen anderen Ort zu gehen. «Er sagte mir, er wurde die anderen Jungs fragen, denn sie wollten alle zusammenbleiben.» Letztlich entschied sich Achilles Gruppe dennoch, ins Le Constellation zu gehen.Schliesslich kam der Anruf, der fur die Mutter alles veränderte. «Ein Freund von Achille rief seine Mutter an und sagte uns, wir sollten schnell kommen.Er sagte, dass alles brennen wurde.» Die Italienerin versuchte, ruhig zu bleiben, doch es war schwierig. «Ich begann, mit mir selbst zu sprechen, aber eigentlich sprach ich zu seiner Seele.»Die Bilder aus dieser Nacht beim Le Constellation werden ihr nie mehr aus dem Kopf gehen. «Ich habe Dinge gesehen, die kein Mensch sehen sollte.» Sie blieb bis vier Uhr morgens regungslos vor dem Le Constellation stehen, konnte sich nicht bewegen.Drei Tage später erfuhr Didone, dass Achille verstorben war. Der 16-Jährige schaffte es zunächst aus dem Gebäude, doch er kehrte laut Aussagen von Augenzeugen zuruck, um anderen zu helfen.«Ich weiss es nicht», so die Mutter. «Ich hoffe, seine Freunde können es mir eines Tages erzählen. Aber wenn er so gehandelt hat, bin ich stolz auf ihn.»* Name bekanntVon Sandra Marschner, Redaktorin am NewsdeskBesuch im Spital fur ARD-Dok:Hier macht Brandopfer Valentin (16) seine ersten SchritteZusammen mit seinem grossen Bruder Ferdinand (19) feierte Valentin (16) die Silvesternacht in der Bar Le Constellation. In den Flammen erlitt der Jugendliche lebensgefährliche Brandverletzungen. Nach 23 Tagen im kunstlichen Koma kämpft er sich nun wieder ins Leben zuruck. Behandelt wird er in Lyon. Die Familie wohnt in Paris, lebt aktuell bei Freunden. Wie seine Mutter in der ARD-Sendung «Weltspiegel» schildert, hat Valentin vor wenigen Tagen seine ersten Schritte gemacht.«Er redet nicht, aber er versucht zu reden. Doch man hört noch nichts», erzählt sie weiter. Zur Kommunikation habe man Valentin eine Whiteboard-Tafel gegeben. Seine ersten Worte richtete er an seine Eltern: «Je vous aime» («Ich liebe euch»). Eine Träne sei ihm dabei aus dem Auge gerollt. «Es war wirklich unglaublich», beschreibt seine Mutter den emotionalen Moment. Noch ist fur die deutsch-französische Familie völlig unklar, inwieweit Valentin jemals wieder ein normales Leben fuhren könne. Doch gerade solche Momente spendeten Kraft und Hoffnung.
Plastik tropft von der Decke:So rasant breitete sich das Feuer ausIn der Bar Le Constellation filmte Valentin den Ausbruch der Flammen. Eines davon zeigt, wie die Helm-Kellnerin mit der Wunderkerze zu nah an die Decke gerät. Eine weitere Aufnahme zeigt, wie sich die Flammen an der Decke ausbreiten.Sein 19-jähriger Bruder Ferdinand wurde bei der Brandkatastrophe weniger stark verletzt. Sofort half er Polizei und Feuerwehr, Zucker und Wasser an die Opfer zu verteilen, damit sie bei Bewusstsein bleiben, erzählt er in der Sendung «Weltspiegel». Er schilderte als einer der ersten Zeugen öffentlich die Brandursache.Von Mattia Jutzeler, Redaktor am NewsdeskObwohl die Morettis die Gunst der Öffentlichkeit weitestgehend verloren haben, gibt es immer noch alte Freunde, die dem Ehepaar die Treue halten. Einer von ihnen ist Gilles, ein langjähriger Vertrauter des Barbetreibers Jacques Moretti.Gilles und der Chef von Le Constellation lernten sich vor uber 15 Jahren kennen. In den 2000er Jahren waren beide Männer in der Prostitution tätig. Moretti wurde im Jahr 2008 im französischen Annecy wegen «Anstiftung zur Prostitution» verurteilt. Gilles wird in jenem Urteil als einer von zwei Schweizer Gesprächspartnern erwähnt, wurde allerdings selbst nie strafrechtlich verfolgt.In einem Gespräch mit der «SonntagsZeitung» äussert sich der langjährige Moretti-Freund nun zur aktuellen Situation des Ehepaares. Dabei nimmt er die beiden immer wieder in Schutz. «Ich werde meine Freunde nicht verleugnen, auch wenn das, was geschehen ist, schrecklich ist», meint Gilles im Artikel. «Aber, mein Gott, sie haben das nicht absichtlich getan. Ich furchte den Moment, in dem ich ihn und seine Frau wiedersehen werde. Sie sind am Boden zerstört.»Auf die Frage der «SonntagsZeitung», ob Gilles den Morettis Geld geliehen habe, antwortet er: «Ja, weniger als 30’000 Franken, die aber zuruckgezahlt wurden.» Der Freund des Ehepaares verneint ebenfalls, dass Le Constellation mit Geld aus der Prostitution finanziert wurde. «Ich kann Ihnen versichern, dass die Morettis nichts hatten, als sie die Bar ubernahmen.»Gilles spricht auch die Schaumstoffplatten an, die von den Morettis in der Bar eingebaut wurden. Diese Platten fingen in der Silvesternacht durch Wunderkerzen Feuer und lösten so die Brandkatastrophe aus. «Jacques hat mit dem Akustikschaumstoff vielleicht Mist gebaut, aber er ist nicht allein verantwortlich. Wäre der Schaumstoff kontrolliert worden, hätte sich die Tragödie vermeiden lassen.»Von Mattia Jutzeler, Redaktor am NewsdeskDie Familien und Opfer der Brandkatastrophe von Crans-Montana sollen finanziell unterstutzt und entschädigt werden. Da sind sich Bund und Kantone einig. Das Wallis entlastet die Angehörigen der Opfer mit einem Beitrag von 10’000 Franken. Diese Unterstutzung wurde allerdings erst mehrere Wochen nach der Brandkatastrophe ausgezahlt. Fur einige der Familien eine zu lange Wartezeit.
Jetzt möchte auch der Bund den Angehörigen und Opfern finanziell unter die Arme greifen. Das teilt Bundesrat Beat Jans verschiedenen Parlamentariern in einem Sondierungsgespräch am Freitag mit, wie die «NZZ am Sonntag» berichtet. Geplant seien Solidaritätsbeiträge in der Höhe von 30’000 bis 50’000 Franken pro Fall.Der Bundesrat wolle die Hilfe am Mittwoch in ein dringliches Gesetz schreiben, heisst es im Bericht weiter. Im März sollen dann National- und Ständerat im Eilverfahren uber die Solidaritätsbeiträge entscheiden.Der Plan des Bundes stösst nicht nur auf Zustimmung. Kritiker bemängeln, dass solche Soforthilfen primär Sache von Gemeinde und Kanton seien. Ausserdem erhalte das Wallis per Ende April 109 Millionen Franken aus der Gewinnausschuttung der Nationalbank – doppelt so viel wie budgetiert. Dieses Geld solle anstelle der Solidaritätsbeiträge des Bundes zur Entlastung der Opfer genutzt werden, so die Kritiker.Von Sandra Marschner, Redaktorin am NewsdeskUm die Brandkatastrophe von Crans-Montana zu bewältigen, will der Bundesrat auf einen runden Tisch setzen. Am Freitag fand hierzu ein erstes Sondierungsgespräch statt, teilte das Bundesamt fur Justiz (BJ) mit.Geleitet wurde das Sondierungsgespräch vom Direktor des BJ Michael Schöll. Ziel des Gesprächs sei es gewesen, Erwartungen und offene Fragen zu klären. Berucksichtigt wurden laut Communiqué Standpunkte der Opfer, der Versicherungen, der zuständigen Behörden des Bundes, des Kantons Wallis und der Gemeinde Crans-Montana.Am runden Tisch sollen die Opfer, ihre Angehörigen, betroffene Versicherungen, potenziell leistungspflichtige Personen sowie zuständige Behörden zusammenkommen. Dies soll helfen, den Dialog zu vereinfachen und mit der Zustimmung der Betroffenen Vergleichsverhandlungen zu unterstutzen. Durch eine Vergleichslösung könnten langwierige Gerichtsprozesse vermieden werden, welche namentlich fur die Opfer und deren Angehörige mit vielen Unsicherheiten verbunden und entsprechend belastend sein können, hiess es weiter in der Mitteilung.Von Janine Enderli, Redaktorin am NewsdeskJean‑Marc G.* gilt als Ziehsohn der Morettis. Er war in der Unglucksnacht von Crans-Montana ebenfalls vor Ort. Die französische Zeitung «Le Figaro» berichtet nun, dass es G. war, der im Le Constellation den Befehl weitergegeben hat, die Turen zu schliessen. Ein Opferanwalt hat deshalb seine formellen Anklage beantragt, schreibt «Le Figaro».Derweil ist unklar, wie und ob G. in der Brandnacht vor Ort war und wie seine Rolle ausgesehen hat. G. selbst versicherte, er habe nicht im Constellation gearbeitet oder höchstens gelegentlich ausgeholfen, um die Eismaschine oder die Lautsprecher zu reparieren, erklärte er im Januar gegenuber BFMTV.Laut «Le Figaro» werfen die Aussagen des zweiten Turstehers,wir haben am Mittwoch im Ticker daruber berichtet, ein anderes Licht auf den Abend. Der Security betonte, Jean-Marc habe ihm «Anweisungen» gegeben, da er – ebenso wie Jessica Moretti – «fur die Veranstaltung verantwortlich» gewesen sei und die «Kassierungen» vorgenommen habe.
«Die neuen geschilderten Elemente, insbesondere die hierarchische Position von Jean-Marc G. und seine Beteiligung an der Diskussion uber das Verriegeln der Ausgänge, lassen sehr schwerwiegende Verdachtsmomente hinsichtlich seiner möglichen Verantwortung fur die Katastrophe entstehen», schreibt der Opferanwalt in einem am Donnerstag an die Staatsanwaltschaft gerichteten Brief, der «Le Figaro» vorliegt.Er fugt hinzu: «Es scheint, dass die gegen Jean-Marc G. bestehenden Verdachtsmomente derselben Art sind wie jene, die dazu gefuhrt haben, Jessica und Jacques Moretti den Status von Beschuldigten zuzuerkennen, sowie zu den daraus folgenden Zwangsmassnahmen.»Wegen Crans-Montana:Italienische Strafverfolgungsbehörden treffen in Bern einItalien hat ein offizielles Rechtshilfeersuchen an die Schweiz gestellt, dem die Walliser Staatsanwaltschaft bereits Ende Januar grundsätzlich zugestimmt hat. Bedeutet: Die italienischen Behörden erhalten Zugang zu den bereits erhobenen Beweismitteln. Was von dem Gipfel zu erwarten ist, hat meine Kollegin Céline Zahno hier zusammengefasst.Die Walliser Generalstaatsanwältin Beatrice Pilloud steht nach Ermittlungsfehlern und Vorwurfen der Befangenheit immer stärker unter Druck. Das Treffen mit dem Mafia-Jäger Francesco Lo Voi (68) und seinem Team durfte kein Kafi-Tratsch werden. Am Mittwoch hat sie erstmals uber den hohen Druck und die Belastung fur ihre Familie gesprochen. Mein Kollege Daniel Macher liefert dir hier die wichtigsten Aussagen.Von Janine Enderli, Redaktorin am NewsdeskSeit der Brandkatastrophe von Crans-Montana ist das Verhältnis zwischen der Schweiz und Italien angespannt. Der ehemalige Ständerat Filippo Lombardi (69) trat in mehreren italienischen Talkshows auf und versuchte, das Vorgehen der Walliser Justiz zu erklären. Im Interview mit der «NZZ», erklärt Lombardi, wie er die Stimmung wahrnimmt.Im Moment nehme er nicht mehr an italienischen Sendungen teil. «Das hat momentan keinen Zweck», erklärt Lombardi. Das Klima sei noch zu stark belastet. In der Brandnacht von Crans-Montana kamen auch sechs italienische Opfer ums Leben.«Die italienische Politik instrumentalisiert das Thema Crans-Montana gleich doppelt», so Lombardi. «Einerseits geht es darum, Stimmung gegen die Schweiz zu machen. Gegen ein Land, das bisher immer als Vorbild galt. Andererseits will Giorgia Meloni in den Köpfen der Wähler verankern, dass es gut ist, wenn die Regierung die Justiz uber die Staatsanwaltschaften beeinflussen kann.»Nun setzt der Tessiner seine Hoffnungen auf das Treffen zwischen der Walliser Staatsanwaltschaft und italienischen Ermittlern, das am Donnerstag stattfinden wird.Durch ein gemeinsames Ermittlungsteam könnte sich die Lage beruhigen, glaubt Lombardi. Gleichzeitig stellt er klar, dass dies fur die Aufklärung des Dramas wenig bringen wird.«Fur die Walliser Staatsanwaltschaft gibt es keine Ermittlungsansätze, bei denen Italien eine Rolle spielt und helfen könnte, wie zum Beispiel bei mafiösen Hintergrunden.» Im Fall von Frankreich sehe dies anders aus. «Ein gemeinsames Untersuchungsteam Schweiz-Frankreich könnte die Vergangenheit von Jacques Moretti und die Herkunft seiner Gelder beleuchten.»Von Natalie Zumkeller, Redaktorin am NewsdeskEin neues Video aus dem Le Constellation zeigt, wie die Gäste in der Brandnacht ausgelassen tanzen. Die Spruhkerzen brennen, das neue Jahr soll gefeiert werden – dann bricht das Feuer aus, das 41 Menschen das Leben kosten wird. Diese Szenen werden auf dem Video, das nun von dem italienischen Nachrichtenportal Tg3 gezeigt wird, klar ersichtlich. Am Schluss sieht man nur noch, wie Personen die Treppe hochsturmen.




