Der Weg von Kahla nach Erfurt ist nicht weit, doch er markiert oft den Übergang von einer uberschaubaren Welt, in der jeder jeden kennt, in die Anonymität der Großstadt. Fur Serkan Drndic endete dieser Weg am vergangenen Montag im Ungewissen.

Die Landespolizeiinspektion steht vor einem Rätsel, das typisch fur unsere Zeit scheint: Ein junger Mann verschwindet mitten unter Menschen, und niemand will etwas gesehen haben.
Die Uniform der Unsichtbarkeit
Die Personenbeschreibung, die die Polizei veröffentlicht hat, liest sich wie das Profil einer ganzen Generation: Serkan ist 20 Jahre alt, schlank und groß gewachsen. Er trägt eine schwarze Kapuzen-Daunenjacke und weiße Turnschuhe. Was auf den ersten Blick wie eine gewöhnliche Beschreibung wirkt, ist fur die Ermittler ein Albtraum. Es ist die „Uniform der Unsichtbarkeit“.
In den verwinkelten Gassen der Erfurter Altstadt, im Gedränge auf dem Anger oder in den Passagen rund um den Hauptbahnhof garantiert dieses Outfit maximale Anonymität. Es ist Kleidung, die nicht auffällt, die einen Menschen mit der Masse verschmelzen lässt. Wer so gekleidet ist, wird nicht angestarrt. Er wird Teil des städtischen Rauschens. Dass es bislang keine „gesicherten Hinweise“ gibt, deutet auf ein beängstigendes Szenario hin: Serkan ist entweder extrem geschickt untergetaucht, oder er bewegt sich an Orten, die sich dem öffentlichen Blick – und damit auch dem Schutz durch die Gemeinschaft – entziehen.
Die Falle der falschen Versprechen
Doch was treibt einen jungen Mann dazu, sein vertrautes Umfeld in Kahla zu verlassen und in die Landeshauptstadt zu fahren, ohne Ruckkehrabsicht zu signalisieren? Kriminalpsychologen und Sozialarbeiter in Thuringen weisen immer wieder auf ein Motiv hin, das in diesem Alter dominierend ist: Der Drang nach Unabhängigkeit, gepaart mit finanziellem Druck.
Erfurt ist ein Pflaster, das fur einen jungen Mann allein ebenso viele Chancen wie tödliche Fallen bereithält. Ermittler wissen: In diesem Alter sind es oft finanzielle Nöte oder das vage Versprechen auf das „schnelle Geld“, die junge Männer in die Stadt locken.
Ein wachsendes Problem in der Region ist die Zunahme dubioser Angebote in sozialen Netzwerken und auf Messengerdiensten. Experten warnen vor „Job-Scamming“ oder dem Hineinziehen in kriminelle Kurier-Netzwerke. Ein junger Mann wie Serkan, der vielleicht nach einem Ausweg aus der Enge sucht oder finanzielle Sorgen hat, ist ein ideales Opfer fur Gruppen, die mit Schutz, Gemeinschaft oder schnellem Wohlstand werben.
„Die Rekrutierung findet oft digital statt, das Treffen dann analog in der Anonymität des Bahnhofsviertels“, erklärt ein Experte fur Jugendkriminalität, der anonym bleiben möchte. „Wenn solche Deals scheitern oder die Realität der Unterwelt zuschlägt, ist das Verschwinden oft die einzige vermeintliche Fluchtmöglichkeit fur die Betroffenen. Sie schämen sich oder haben Angst, zur Polizei zu gehen.“

Ein System mit blinden Flecken
Die soziale Isolation spielt potenziellen Tätern oder auch einer psychischen Ausnahmesituation dabei in die Karten. Der Fall Drndic hält der Erfurter Stadtgesellschaft einen Spiegel vor. Wir haben eine Kultur des Wegsehens kultiviert. Wer am Bahnhof auf einer Bank sitzt, den Blick leer, oder wer ziellos und gehetzt durch die Straßen läuft, wird selten angesprochen.
Wir respektieren die Privatsphäre so sehr, dass wir die Hilflosigkeit eines Einzelnen schlichtweg nicht mehr registrieren. Ein 20-Jähriger in Daunenjacke, der vielleicht friert, der vielleicht Angst hat oder verwirrt wirkt, wird in der Hektik des Berufsverkehrs oder des Einkaufstrubels als „normal“ abgehakt.
Hinzu kommt eine juristische Hurde: Während bei vermissten Kindern sofort Großalarme ausgelöst werden, gelten junge Erwachsene rechtlich als eigenverantwortlich. Das „Recht, verschwunden zu sein“, schutzt die Privatsphäre, wird aber zum Verhängnis, wenn ein junger Mensch manipuliert wird oder psychisch instabil ist. Die polizeilichen Maßnahmen stoßen oft an burokratische Grenzen, solange kein konkreter Hinweis auf ein Gewaltverbrechen vorliegt.
Ein Wettlauf gegen die Zeit und die Geographie
Während die Burokratie arbeitet, tickt die Uhr unerbittlich. Erfurt ist nicht nur Landeshauptstadt, sondern ein zentraler Verkehrsknotenpunkt Deutschlands. Mit dem ICE ist man in weniger als zwei Stunden in Berlin, Frankfurt oder Munchen. Falls Serkan nicht mehr aus eigenem Willen handelt – sei es durch Zwang oder psychischen Druck – könnte er längst weit außerhalb der Grenzen Thuringens sein.
Seine weißen Turnschuhe, die am 9. Februar noch sauber waren, sind mittlerweile vielleicht die einzigen stummen Zeugen einer Odyssee durch die dunklen Seiten der Stadt. Die Polizei ist nun auf die Augen und Ohren der Bevölkerung angewiesen. Denn Kameras und Handydaten allein können nicht erklären, was in einem Menschen vorgeht oder in welche Gesellschaft er geraten ist.
Der Aufruf zur Menschlichkeit
Die Polizeiinspektion Sud bittet händringend um Hinweise. Jede noch so kleine Beobachtung – an Bushaltestellen, in gunstigen Hostels, in den späten Nachtstunden in Imbissstuben oder Parks – könnte das entscheidende Puzzleteil sein.
Serkan Drndic ist kein Phantom. Er ist kein „Fall“ mit der Nummer 0034559. Er ist ein Sohn, ein Freund und ein Burger, den wir nicht der kalten Anonymität der Großstadt uberlassen durfen. Sein Verschwinden muss uns lehren, wieder genauer hinzusehen, statt wegzuschauen.
Personenbeschreibung:
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Name: Serkan Drndic
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Alter: 20 Jahre
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Statur: Schlank, groß gewachsen
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Kleidung: Schwarze Kapuzen-Daunenjacke, weiße Turnschuhe
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Vermisst seit: 09.02.2026
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Vorgangsnummer: 0034559
Hinweise zum Aufenthalt von Serkan Drndic nimmt der Inspektionsdienst Sud unter der Telefonnummer 0361/5743-23100 oder jede andere Polizeidienststelle entgegen. Bitte geben Sie die Vorgangsnummer an.
Von der Redaktion fur Thuringen und Gesellschaft, 11. Februar 2026




